Drei Tipps zum Umgang mit Faktenfälschern und Populisten

Screenshot NBC 20.01.2017

Video-Link/ Screenshot NBC 20.01.2017

Cool bleiben und Komplexität reinholen

Eines ist klar: Menschen mit einem  geschlossenen Weltbild und einer ausgeprägten Bereitschaft zum Lügen sind im Gespräch schwer zu knacken.
Doch es gibt gute Möglichkeiten, in Diskussionen oder Interviews verdrehte Tatsachen und „alternative Fakten“ in den Griff  zu bekommen.

Natürlich ist die Empörung groß, wenn ein US-Präsident notorisch lügt und bewusst Falschheiten von sich gibt. So ein Verhalten macht wütend, fassungslos und hilflos.

Sie kennen das vielleicht auch aus eigenen Diskussionen mit Menschen, die anders denken und ganz andere Ziele verfolgen als Sie selbst. Wie kriegen Sie solche Gespräche in den Griff, ohne immer neue Türen für seltsame Argumente zu öffnen? Welchen Chancen haben Sie, um zumindest ansatzweise den Panzer zu durchbrechen?

Nehmen wir mal ein Beispiel besonderer Dreistigkeit: Im Januar machte ein TV-Interview im Internet die Runde, in dem der NBC-Journalist Chuck Todd die Trump-Beraterin Kellyanne Conway (Foto) befragte. (Hier können Sie das Interview auch nochmal sehen.)

Es ging um die Angaben des Weißen Hauses zu den Menschenmassen bei der Amtseinführung des Präsidenten. Conway bezeichntete die nachweislich falschen Zahlen als „alternative Fakten“. Seitdem ist der Begriff „alternative Fakten“ fester Bestandteil des politischen Diskurses.

Nun kann man sich mit allem Recht über das sprachliche Reframing (die Umdeutung oder Neurahmung) einer tatsächlichen Lüge aufregen. Doch bei all der Emotionalität lohnt bei diesem Interview auch ein Blick auf  den Journalisten Chuck Todd. Der Moderator hat Fehler gemacht, die beispielhaft sind für den Umgang mit Populisten. Daraus lässt sich lernen!

Drei Tipps für die Gesprächsführung mit Faktenfälschern und Populisten:

  1. Nach Quellen und Zielen fragen statt nach dem Warum

Der Fragensteller/Journalist verhakt sich in einer anklagenden Haltung. Er stellt eine einzige Frage in verschiedenen Varianten: Warum? (In dem Beispiel wiederholen sich diese Fragen: „Warum kommt der Pressesprecher des Weißen Hauses gleich bei seinem ersten Auftritt mit einer Falschdarstellung raus?“ „Warum hat ihn der Präsident angewiesen, das zu tun?“)

„Warum?“ ist die denkbar schlechteste Frage in einer konfrontativen Gesprächs-Situation. Die Frage nach dem „Warum“ ist natürlich als Vorwurf und Anklage gemeint und wird auch so verstanden. Wir sind alle darauf gepolt, auf eine Warum-Frage mit Rechtfertigungen und eigenen Deutungen zu antworten. Damit eröffnet das „Warum“ eine zweite Ebene im Gespräch, die ein gut geschulter Populist dankbar füllt. Das bedeutet: Die Warum-Frage öffnet den Raum für Gegenvorwürfe und neue alternative Fakten. In dem Interview mit NBC hat Kellyanne Conway das sofort für sich genutzt.

Meine Alternative:

  • Fragen nach den Quellen einer Aussage im Stil von „Wie kommen Sie zu dieser Annahme“ oder „Was macht Sie so sicher“ können eher Schwachstellen entlarven.
  • Anstelle der Frage nach dem Warum kann die etwas anders gerichtete Frage nach dem „Wofür“ andere Informationen hervorholen.
  • Eine Frage wie „Welches Ziel verfolgen Sie damit …?“ richtet den Fokus vom Vorwurf auf die Strategie.
  1. Aktives „Spiegeln“ statt Dramatisieren

Der Journalist reagiert stark auf den Begriff der „alternative facts“ und dramatisiert die Situation auf der Beziehungs- und Symbolebene. Er regt sich richtig auf. Das zeigt eigene Betroffenheit, aber es bringt das Gespräch nicht voran. Im Gegenteil: Conway nimmt auch die Einladung auf die Drama-Ebene dankend an und gibt ihren Unterstützern richtig Zucker mit einer langen Aufzählung von Dramen und Katastrophen, die die Trump-Regierung verbessern möchte.

Alternative:

  • Eine sinnvolle Verhaltensweise in schwierigen Gesprächen ist das „Aktive Zuhören“ und „Spiegeln“. Dabei hört der Gesprächspartner erst einmal aufmerksam zu, wiederholt den letzten Satz und lässt die „falschen“ Worte wirken.
  • Mit so einer Spiegelung lässt sich der Redefluss des Gegenübers auch elegant unterbrechen.
  • Bei auffälligem „Framing“ bzw „Reframing“ durch den Gesprächspartner kann man den Akt der Umdeutung also solchen benennen. Beispiel: „Sie sprechen also von alternativen Fakten. Ich verstehe das als einen Versuch der sprachlichen Manipulation, mit dem sie von einer Lüge ablenken.“
  • Das sprachliche Spiegeln bringt auch Ruhe ins Gespräch und verschafft Zeit zum Nachdenken.
    Am Beispiel des NBC-Interviews könnte das so ausehen: „Sie sagen also, dass Sie Ihren Wählern alternative Fakten zur Anzahl der Menschen bei der Inauguration geben möchten.“ – Kurze Wirkungspause  – „Diese Fakten widersprechen allen anderen Zählungen und Quellen.“ – Dann die Frage: „Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser Kommunikations-Strategie?“
  1. Komplexität reinholen statt Vorwurf und Häme

Der Journalist lacht am Ende des Interviews kurz auf. Eine Reaktion der Häme und des Vorwurfs im Sinne von „Das ist gerade so verrückt, das hat ja keinen Sinn hier.“ Kellyanne Conway versteht auch dieses Signal sofort auf der Metaebene und interpretiert es in ihrem Sinn als „symbolisch“ für die Art, wie die Presse die neue Regierung behandelt.

Alternative:

Populisten, Demagogen und Hetzer haben mit ihren Anhängern eines gemeinsam: ein hermetisch geschlossenes Weltbild, das auf unterkomplexen Erklärungsmustern und einem schlichten Gut/Böse-Schema beruht.

  • Journalisten und diskussionsfreudige Menschen können da Komplexität reinbringen mit hypothetischen Fragen wie: „Angenommen, Sie arbeiten weiter konsequent mit alternativen Fakten – welche Folgen hat das wohl auf Ihr Verhältnis zu den Medien/zur kritischen Öffentlichkeit?“
  • Komplexität schaffen auch Fragen nach Ursache-Wirkung-Verhältnissen. Im Fall des NBC-Interviews zum Beispiel: „Sie bestehen also auf ihren nachweislich falschen Fakten als alternative Sichtweise. Was meinen Sie, wie wirkt sich das auf die Fähigkeit der Regierung aus, echte Probleme zu lösen?“
  • Einen Raum für Komplexität schaffen auch Fragen, die eine andere Sichtweise eröffnen. Zum Beispiel: „Was erzählen Sie denn zuhause ihren Kindern, wenn die Ihnen bei der nächsten Lüge erklären, ‚Mami, das sind alternative Fakten.’“

Dieser Text von Karin Volbracht erschien zuerst auf der Website www.inmedia-coaching.de

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